“Da drüben steht sie wieder, redet mit einem Tontechniker, offensichtlich versucht sie zu flirten, doch sie ist beinah doppelt so alt wie er, zumindest sieht es so aus, daher scheinen ihn ihre Avancen kalt zu lassen. Es ist Donnerstag morgen, 8.39 Uhr, momentan laufen die Dreharbeiten zu einem Kammerspiel, in dem es um Mäusejagd geht. Oder irgendwie sowas. Sie wirkt müde und erschöpft, doch gibt sie sich ausgelassen und fröhlich, ihr Lachen so laut und unterschwellig hysterisch, dass man merkt, dass etwas ziemlich schief gelaufen ist.
Wisst ihr, ich kenne sie schon lange, ich hab sie vor 15 Jahren das erste Mal getroffen, sie ist ein Jahr vor mir angefangen, damals war sie noch zarte 24 Jahre jung. Und schön, kann ich euch sagen! Sie war von solch bezaubernder Schönheit, einer Schönheit von der Sorte, dass man, wenn man sie auf der Straße gesehen hatte, einen Moment stehen bleiben musste, um sich noch einmal umzudrehen! Ihr bezauberndes Lächeln hätte jederzeit den härtesten Büffel umgeworfen. Und man sollte meinen, dass eine solche Frau eine gewisse Arroganz aufweist, aber falsch! Ihre Art war ebenso bezaubernd wie ihr Äußeres! Ich weiß noch, als ich sie das erste Mal traf, war ich im ersten Moment so perplex, ich brachte kein Wort heraus, lediglich verlegenes Gestammel. So umwerfend war sie!
Nun, ihr könnt euch sicher vorstellen, dass dementsprechend die halbe Filmcrew hinter ihr her war, der Kameramann, der aufstrebende Regisseur, sogar der Typ, der immer das Kabel von der Kamera gehalten hat! Und ein paar andere. Aber sie, naja, sie war verschossen in diesen jungen Schauspieler. Kein besonders Begabter Schauspieler, aber er sah wohl gut aus. Und die Frauen lagen ihm zu Füßen! Sie umschwarm ihn sehr lange Zeit, sie flirtete ausgiebig, und irgendwann verbrachten sie dann die Nacht zusammen. Er sagte ihr, ihm wäre nicht nach einer Beziehung zumute, und sie behauptete, ihr ginge es genauso, daher wäre eine lockere Affäre in Ordnung für sie. Hat sie jedenfalls gesagt.
Die Zeit schritt voran, sie betonte immerzu, dass ein lockeres Verhältnis ok für sie wäre, doch blieb sie beharrlich. Sie versuchte es zunächst mit netten Gesten, dann wurde das Buhlen um Aufmerksamkeit und Zuneigung etwas beharrlicher und vermehrt. Die Avancen der anderen wies sie stets ab, da sie die Hoffnung nie aufgeben wollte, dass irgendwann vielleicht doch mehr sein könnte. Der Kabeltyp hat sie mal zum Essen einladen wollten, aber er bekam eine freundliche aber dennoch demotivierende Zurückweisung! Der Kameramann war sehr verliebt in sie, er versuchte es sehr lange Zeit, seine Energie und sein Durchhaltevermögen waren bemerkenswert, doch im Endeffekt wurde er doch von der bitteren Realität übermannt. Er wäre für sie bestimmt bis ans Ende der Welt gegangen. Der Regisseur war da weniger konsequent, er versuchte es ein paar Mal auf die plumpe Tour, was keinen besonderen Eindruck hinterließ. Sie blieb ihren Träumen treu und wartete weiter.
Sie folgte ihm auf eine Reise, die er im Rahmen seiner Karriere unternehmen musste, nach Schottland. Sie erhoffte sich viel von der Reise, doch musste sie ihn letztlich mit anderen Frauen betrachten, meistens war er high bis in die Haarspitzen und mit dem Gesicht in einem der anderen Starlets verschwunden. Doch sie hielt durch.
Sie hielt länger durch, als ich es je vermutet hätte, doch wurde auch sie mit der Zeit älter. Nicht, dass sie unansehnlich geworden wäre, sie nahm lediglich ein paar Pfund zu und trug die üblichen Gebrauchsspuren des Älterwerdens davon. Die Zeit verging, der Regisseur hat immer mal wieder ein paar Starlets vernascht, und als eine schwanger wurde, heiratete er diese eben. Der Kameramann kündigte irgendwann seinen Job und wandte sich neuen Aufgaben zu. Der Kabeltyp traf irgendwann eine Frau, die weniger anspruchsvoll war und heiratete sie. Sie sind inzwischen 10 Jahre verheiratet. Ich bin mir fast sicher, dass ein paar davon glücklich gewesen sind!
Doch sie, sie blieb allein. Irgendwann vor nicht zu langer Zeit zog er nach Alaska um. Sie wollte ihn begleiten, doch wies er sie zurück und machte ein letztes Mal unmissverständlich klar, dass sie in seinem Leben nicht Die, sondern nur Eine ist und immer gewesen ist. Und da musste sie sich mit dem Wissen abfinden, dass sie für ihn immer nur eine gewesen ist und er für sie… nunja, nicht!
Er ist inzwischen weg, die meisten anderen auch, nur sie nicht. Sie und ihre Träume befinden sich auch heute noch in diesem Studio. Inzwischen scheint ihre allgemeine Anziehungskraft verflogen, ebenso wie ihre Ansprüche. Tag für Tag schleppt sie sich in dieses verdammte Studio, nagend an der Erkenntnis, dass die Zeit niemals halt macht und dass manche Dinge einfach nicht so ablaufen wie man es von all den Filmen, an denen sie mitgearbeitet hat, gezeigt bekommt…