Auf der Suche nach seinen Lakritzstangen machte Philmore sich auf nach Norden. Auf dem Weg dorthin sollten sich ihm noch viele Gefahren in den Weg stellen, doch zuerst musste er sich noch Brote besorgen. Das hatte ihm der mysteriöse Fremde nämlich geraten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Phil an einer auffallend protzigen Bäckerei vorbei. Die Fassade war mit kunstvollen Backwerk-Reliefs verziert, güldene Ähren schmückten die schwere Tür aus hellem Holz und Kristallglas und es duftete nach Zimtbrötchen und Erdbeerkuchen. Zuversichtlich trat Philmore durch die Pforte und wurde sogleich von einem Glockenspiel und den Worten “Willkommen in Meister Backs Bäckerei. Niemand beherrscht die Kunst des Backens besser!” empfangen. Auch das Innere des Ladens war mehr als prunkvoll eingerichtet. Vom polierten Marmorboden bis zur beeindruckend mit allerhand Backthematik bemalten Decke erinnerte der große Raum eher an einen barocken Ballsaal, als an einen Ort, an dem man seine Brötchen kauft. Alles glänzte und Philmore wurde fast geblendet von den kristallenen Vitrinen, in denen sich alle nur erdenklichen Backwaren präsentierten. Das Angebot reichte von gewöhnlichen Brötchen, von einer Schönheit, die Philmore sich nie von profanen Nahrungsmittel erträumt hätte, über strahlend bunte Fruchttörtchen, bis hin zu atemberaubend filigran gearbeiteten Gebilden aus Schokolade, Nougat, Nüssen, Teig und den exotischsten Zutaten. Hier wurde das Bäckerhandwerk wahrlich zur Kunst erhoben.
Von hinter der goldgefassten Theke lächelte ihn immer noch ein großer, dünner Mensch mit einer Bäckerschürze an, die viel mehr an eine Paradeuniform erinnerte, als an Arbeitsbekleidung. Selbst die Mütze saß im perfekten Winkel auf dem Kopf und wurde von drei goldenen Ähren geschmückt. “Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?”, fragte die uniformierte Person. “Ich bin auf der Reise und brauche Brote für den Weg.”, antwortete Phil, immernoch überwältigt von der Pracht seiner Umgebung. Die Backwarenverkaufsperson reagierte darauf, indem sie ihm lächelnd sämtliche Brotsorten aufzählte, die das Haus führte. Nach zwei Minuten drehte sich Philmores Kopf und er musste die Auflistung unterbrechen. Im Bewusstsein, dass er völlig vergessen hatte genug Geld mitzunehmen, bat er “Geben Sie mir einfach das billigste Brot, das sie haben.” Mit einem Hauch von Gleichgültigkeit nahm die Gestalt hinter der Theke eine kleinen Laib aus einem Regal und begann damit sämtliche Beläge aufzuzählen, die das Haus führte. Philmore wurde ganz schwindelig von der Vielfalt. Da waren Zutaten, von denen er noch niemals etwas gehört hatte und Worte, die er nichteinmal auszusprechen versuchte. “Günstige Wurst und einfacher Käse genügen”, unterbrach Philmore abermals. “Darf es noch eine Sauce sein?” Immernoch benommen fiel Phil der Backperson ins Wort, bevor diese richtig in fahrt kam. “Keine Sauce, danke!” Schließlich bekam Philmore drei kunstvoll in Papier verpackte Brötchen mit Wurst und Käse, ohne Sauce überreicht. Glücklicherweise hatte er gerade genug Münzen bei sich, um die durchaus beachtliche Rechnung zu begleichen. Und so verließ Philmore die wunderhafte Bäckerei, zwar ohne einen Cent Geld in der Tasche, aber dafür mit den drei köstlichst aussehendsten Brötchen, die man sich vorstellen kann.
Er war kaum zwei Schritte gegangen, als ihn die Neugier -und auch zu einem gewissen Teil der Hunger- überkam. Er wickelte eines der Backkunstwerke aus seinem Papierkleid und biss hinein. Nicht nur waren es die wunderschönsten Brötchen, die er jemals gesehen hatte, es waren auch die geschmacklosesten. Genausogut hätte er die Verpackung essen können. Verärgert und keinesfalls gesättigt setzte Philmore seine Reise nach Norden fort. Ohne einen Cent in der Tasche und mit drei beschissenen Poser-Brötchen.