Um es gleich vorneweg zu sagen: Marcel hat souverän seinen Bass gezupft.
Und es hat mich mit nichts weniger als Freude und sogar Stolz erfüllt ihn auf der Bühne stehen zu sehen, spielend, ein marcelhafter Anblick.
Ich bin nun schon seit mehreren Jahren eingefleischter Marcelfan und jeder dem es so geht wie mir hätte das Konzert genauso genossen. Zugegebenermaßen kam ich etwas zu spät, ein höchstens zwei Liedchen, Marcel war schon in vollem Gange, wie Marcel nun mal in vollem Gange ist- zwischen resigniert, auf Hochtouren laufend und todtraurig sind es nur winzige Nuancen, welche selbst einem aufmerksamen Beobachter oft verborgen bleiben. Jedenfalls gab es teures Bier aus billigen Plastikbechern, man kauft sich mehrere und bleibt etwas abseits auf einer Bank (ja, ich habe gesessen), aber in Sichtweite zu Marcel. Die Band spielt deutsch, allerdings bleiben keine Textzeilen im Gedächtnis, trotz meiner relativen Nüchternheit. Deutschrock. Es geht um Killerspiele, Selbstmord und ein neues Leben beginnen, man ist froh, dass Marcel kein Mikrofon hingestellt bekommen hat- eine Tatsache welche ich auf den ersten Blick als unverschämt empfand. Im Nachhinein ist man dankbar für Marcels unarrogante Distanz zum raren Publikum. Marcels Bass steht und spielt parallel zu zwei Gitarren, fehlerfrei und zum einschlafen korrekt gehandhabt von zwei unförmigen Wesen, männlich, einer groß und tollpatschig, allerdings nicht auf die süße Art und Weise, sondern einfach doof. Der Andere, mittig, obligatorische Pornobrille und Gesang, kann auch nicht mit einstudierten+ niederknieenden Gitarrensolos glänzen, aber er singt. Auch das übertrieben richtig. Diesen beiden Typen also haben sich die Unterhaltung des Publikums aufgebürdet. Das vierte Bandmitglied ist eine Frau am Schlagzeug, wegen der klassischen Bühnenaufteilung etwas in den Hintergrund und geistig weg vom Geschehen gerückt, dem Gesichtsausdruck nach war es woanders aber auch nicht fetziger. Damit man mich nicht falsch versteht: Neben Marcel war mir die weibliche Besetzung noch am sympathischsten, aber der gleichgültige Ausdruck in ihrem Gesicht mit offenem Mund war doch auffallend konstant und irgendwie erwähnenswert. Zurück zu den eben beschriebenen Stereotypen, Liedansagen und Pausen waren stark einstudiert- ich hätte an dieser Stelle lieber so was wie dilettantisch und unbeholfen, aber dafür ehrlich geschrieben, aber – Nein. Stereotyp1 und Stereotyp2 haben Listen von zuhause mitgebracht, vollgeschrieben mit gegoogelt öden Bezeichnungen für Damenunterwäsche. Sie schieben sich unnatürlich gegenseitig die Bälle zu, immer auf der Suche danach wie eine jahrelang eingespielte Rockband zu klingen. Schwierig, nach dem vierten Auftritt. Und das empfiehlt der Doktor: Seinlassen.
Das mag alles schrecklich negativ klingen und vielleicht ist es auch einfach so bei mir hängengeblieben. Wie gesagt, die Musik an sich war fehlerfrei und man merkt die Typen können ihre Instrumente bedienen. Aber man vermisst das Besondere, das Sympathische, das Authentische, das was die Jungs von so vielen anderen NewcomerBands unterscheidet. Den Grund nochmals deren Show zu besuchen, sich ein Album zu kaufen, sich für die Band zu interessieren. Mein Grund vor dem Konzert war Marcel, mein Grund nach dem Konzert ist immer noch Marcel- außer ihm konnte niemand punkten. Man will sagen es fehlt einfach Herz, allerdings muss man sich vor Augen halten, dass die Band ein Album aufgenommen, auf Scheiben gepresst und zum Verkauf angeboten hat, man hat im Voraus Kosten gezahlt und sich gekümmert. Das alles wäre wohl ohne Herz und ein gewisses Maß an Begeisterung nicht möglich gewesen. Diese Begeisterung gilt es auf das Publikum zu übertragen und da hapert es noch. Wieso man auch in diesem Alter Lieder über Themen wie Selbstmord und Neuanfang schreibt, Texte über verkorkste Leben, bleibt ein Rätsel, vorgetragen von einer Studentenband klingt es wie Hohn. Ein Song ala Gurley´s Cellphone Number bleibt außen vor, man will wohl seriös sein. Schade eigentlich. Ein Mann der weiser war als ich sagte einmal: „Um irgendwann in etwas sehr gut zu sein muss man lange Zeit darin sehr schlecht sein.“ In diesem Sinne war es ein guter Anfang, bitte nicht weiter probieren so perfekt zu sein wie man es einfach noch nicht sein kann.
Zusammenfassend bleibt zu sagen: Marcel war da, es gab Bier und Musik.
Ich fand´s klasse.
